Vom Gendern

Oder: Von politisch korrekten Menschen,
die aber seltsam schreiben

Das Wort Klempner meint auch KlempnerinnenStand: 1950 oder so. Mir leuchtet ein, dass dies nicht erst seit heute Kappes ist, dass also das weibliche Geschlecht damit schlicht ignoriert, also vordergründig nicht gemeint ist. Das ist zwar sachlich falsch, aber der Widerwille dagegen ist ohne weiteres nachvollziehbar. Dem schließe ich mich also gerne an.

Aaaber:

Schauen wir mal in die Nachbarschaft, soweit mir ihre Sprachen halbwegs geläufig sind: Im englischsprachigen Raum sind Gender-Besonderheiten die extrem seltene Ausnahme: Seamstress vs. taylor, he-bear vs. she-bear, waitress vs. waiter usw. Pikant: Queen vs. king — aber niemand sträubt sich gegen United Kingdom. Keiner schreit nach einem Queendom oder Diversedom.

Im Spanischen gibt es im Plural nur männliche Formen, wenn beide Geschlechter vertreten sind: Padres (Eltern, wörtl. Väter) hermanos (Geschwister, wörtl. Brüder), abuelos (Großeltern, wörtl. Großväter), tíos (Tante und Onkel, wörtl. Önkel — pardon, bloß ein Gag, aber ich wollte den Onkel im Plural verdeutlichen) usw.

Das Französische ist ungefähr so pingelig wie das Deutsche: Bergère, actrice, danseuse, citoyenne, bourgeoise usw. Aber im Plural ist mir auch im Französischen noch keine politisch korrekte Formulierung begegnet — was freilich auch an mir liegen kann.

Nochmals: Es ist Zeit, daran etwas zu ändern (um nicht missverstanden zu werden).

Das römische Recht forderte, in dubio pro reo zu entscheiden (von reus, DER Angeklagte). Was ist mit der rea (weibliche Form des Wortes)? Bisher hat sich m.W. noch niemand über dieses Manko beschwert. Reae (weiblicher Plural) waren im alten Rom also ebenfalls mitgemeint.

Im Türkischen ist ein Wortgeschlecht vollkommen unbekannt — selbstverständlich von Wörtern wie Mann/Frau, Junge/Mädchen, Mutter/Vater usw. abgesehen. Das geht so weit, dass sogar Vornamen geschlechtslos sein können, weil sie für beide Geschlechter passen. Nur ein Beispiel pars pro toto: Zahllose Kombinationen mit ay (Mond) usw. Aber einige Wörter wird man einem Jungen nicht antun: Gül (Rose) und Kombinationen damit (z.B. Gülay — Rosenmond). Da nennt man seinen Filius schon lieber Tuncay (Bronzemond) oder so. Günay (Tagesmond) ist wieder geschlechtsneutral.

In der ehem. DDR gab es einen Sonderfall in der deutschen Sprache: Zwar existierte die weibliche Form für Berufe usw., sie wurde aber sehr häufig nicht verwendet. "Ich bin Traktorist" u.ä. wurde häufig mit weiblicher Stimme gesagt. Aus politischen Gründen dürfte diese Annäherung ans Englische kaum als solche aufgefasst worden sein, aber es war eine. Russisch kann ich nicht. Vielleicht geht ja auch diese Sprache sparsamer mit "-innen" um.

Keine spanische Muttersprachlerin hatte — nach meiner bescheidenen Kenntnis — je einen Einwand gegen ihr soeben beschriebenes Pech, das sie vermutlich nicht mal bemerkt, denn:

Blumentopf ist Blumentopf, Klempner ist Klempnerin oder Klempner, Sellerie ist Sellerie, Glaser ist Glaserin und Glaser. Selbstverständlichkeiten, die dort niemand hinterfragt. Das ist halt so seit Jahrhunderten. Keine Frage: Eine Ungerechtigkeit seit Jahrhunderten. Aber warum stört die erst seit ca. 30 Jahren? Und bis heute anscheinend keine einzige Spanierin?

Aber ich wiederhole erneut: Dies sollte ein Ende haben. Mit diesem Wunsch sehe ich mich sogar Elke Heidenreich widersprechen. Die Zeit zitiert eine dpa-Meldung mit dem Titel Elke Heidenreich findet das Gendern grauenhaft (s.d.).

Der schon etwas ältere Kompromiss, von Klempnerinnen und Klempnern zu sprechen, dauert eine Sekunde länger, aber so viel Zeit muss nun mal sein. Für mich die beste Lösung. Perfekt ist sie aber auch nicht. Denken wir etwa an eine Bundes­ärztinnen- und ärztekammer. Natürlich geht das. Aber welcher Mann, welche Frau will das?

Übrigens, bei diesem Stichwort: Doktor heißt Lehrender. Eine Lehrende hieße Doktrix. Wir haben daraus Doktorin gemacht. Das ist ungefähr wie Herrin oder Steuermännin. Auch nicht das Gelbe vom Ei. Und alle sagen lustigerweise Frau Doktor Merkel.

In einigen deutschsprachigen Landschaften gibt es für Frauen das sächliche Geschlecht, also z.B. "'s Hilde" (das Hilde). Glaubt man Frauen und einschlägig erfahrenen Männern, dann darf das sächliche Geschlecht für sie wohl ausgeschlossen werden; sie sind zweifellos weiblich (falls nicht divers). Dass sich jemand darüber beschwerte, kam mir jedoch bislang nicht zu Ohren. Das hat sich nun mal so entwickelt und ist — zumindest in Kassel, wo ich einige Jahre wohnte — nicht abwertend gemeint. Zu Zeiten der Entstehung dieses Phänomens mag es verniedlichend, also auch ein bisschen abwertend gewesen sein. Davon ist heute nichts mehr übrig — wofür ich mich nur für Kassel verbürgen kann, wie gesagt.

Wenn ich Konstrukte wie Klempner*innen höre bzw. lese, wird mir schlecht. Wobei sich die Frage stellt, was ich höre. Den Asterisken (*)? Nein, der ist unhörbar. Man hört nur die *innen, findet also die Männer nicht mehr repräsentiert.

Man mag nun einwenden, dass genau dies jahrhundertelang für Frauen der Fall war. Stimmt. Aber will man einen Fehler bereinigen, indem man einen anderen Fehler macht?

Und dass Männer auch außen vorkommen, verkneife ich mir hier, denn dieser Gag (*innen vs. außen) ist sattsam ausgelutscht. Bei dieser Gender-Bauweise muss man sich auch fragen, was ein Ärzt, ein Anwält, Beamt, Gräf oder Bäuer innen beruflich so macht.

Am 19. Mai 2021 sendete SRF Kultur in seiner Podcast-Reihe 100 Sekunden Wissen die Folge Genderdoppelpunkt (2:25 Min.). Dieser soll den Asterisken (*) mit der Zeit ersetzen. Der Doppelpunkt sei besser, weil vorlesende Browser für Blinde dabei eine kleine Pause machen, während das Sternchen schlicht ignoriert wird. Ja, das wäre sehr zu begrüßen, wenn man diese Verhunzung der deutschen Sprache nicht der Rede wert fände. Aber auch Blinde können mit der Version Fleischerinnen und Fleischer durchaus etwas anfangen.

Vor vielleicht 20, 30 Jahren kam zu diesem Zweck die Binnen-Majuskel in Mode (LehrerInnen). Das war natürlich nicht irrtumsfrei vorlesbar, weil Groß- oder Kleinschreibung nicht hörbar ist.

Kurzum: Schwachsinn. Schrift muss sinnvoll und unmissverständlich vorlesbar sein, denn sie codiert die gesprochene Sprache. Nur formelhafte Verschriftlichungen wie etwa in der Mathematik sind hiervon ausgenommen.

Formen wie Studierende, Forschende etc. sind manchmal ein guter Kompromiss, aber auch nicht immer. Gerade geht mir eine Ta­gesschau-Meldung etwa dieser Art durch den Kopf: Streik der Seefahrenden, Offensive Christlicher, Trak­tor-Sternfahrt landwirtschaftlich Tätiger, Freitagsstreik Beschulter, Erzeugnisse Schmiedender, Resultate Dachdeckender. Ist auch nicht so meins, weil ganz einfach dumm und hässlich in Aug' und Ohr.

Also kann auch das Partizip Unfug sein. Ein Lesender bin ich nur beim Lesen, nicht von Beruf; ein Forschender bin ich zwar auch von Beruf, aber eigentlich nur, wenn ich gerade forsche. Nach Feierabend bin ich nur noch Forscher (als Mann). Das ist also nur in Sonderfällen die Lösung dieses Problems.

Bei der Nennung beider Geschlechter (Hebamme, die, und Hebamme, der) kann man nichts falsch machen und ist sprachästhetisch auf der sicheren Seite, psychiatrisch sowieso.

Und dass sich Schüler — kurzer Kehlverschluss mit nachfolgendem plosivem Anlaut bzw. Glottisschlag — *innen gut anhört, kann zumindest ich nicht bestätigen. Aber jeden Freitagabend muss ich in Aspekte (ZDF) Jo Schück ausgerechnet als Kulturvermittler (!) mit seinen *innen ertragen. Natürlich ist er nicht der einzige.

Die geneigten Mitlesenden mögen nun überrascht sein, wenn ich vorschlage, das Problem mal von der anderen Seite zu sehen und das weibliche Suffix -in als frauenfeindlich aufzufassen: Ja, sie ist Metzger, hat aber keinen Penis. So wird aus -in gewissermaßen ein gelber Stern. Nur für hirntote Machos, keine Frage, aber diesen Angriffspunkt könnte man ihnen leicht entziehen. Aber damit möchte ich die stigmatisierende Bedeutung des gelben Sterns nicht wirklich mit dieser weiblichen Endsilbe gleichsetzen. Das wäre eine Verharmlosung des Holokaust und ein unverdienter Ritterschlag für einen Unfug wie ...In, ...*in oder ...:in.

Für sprachwissenschaftlich Interessierte dazu ein wenig Theorie: Das lat. Verb studēre (sich sehr bemühen) hat das Partizip studēns, das wir mit Student eingedeutscht haben. Es heißt also einfach studierend, ohne ein Geschlecht zu meinen. Die Form Studentin ist also so etwas wie eine sich sehr Bemühendin, somit totaler Quatsch. Beispiele dieser Art sind Legion. Ein Grund mehr, das weibliche Suffix -in mindestens in Frage zu stellen — besser noch an den Pranger.

Hier darf redlicherweise nicht verschwiegen werden: Dies brächte neue Probleme mit sich: Der Bäcker und die Bäcker ohne -in? Das würde sich in der Alltagssprache jedoch meist nur ungefähr so bemerkbar machen: Sie ist Bäcker. Damit kann man leben, finde ich, zumal es ein 1:1-Äquivalent der englischsprachigen Lösung wäre. Dort funktioniert es doch auch!

John Lennon: Woman is the Nigger of the World, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft. Englisch und Türkisch können Frauen auf diese Weise nicht benachteiligen. Vielleicht ist das beste deutsche Gendern die Abschaffung von -in — was der Abschaffung des Genderns entspräche.

Da Sprache gem. einer populären Platitüde lebt, ist gegen Gendern heutzutage im Grunde nichts einzuwenden. Es sollte jedoch intelligenter geschehen. Beide Geschlechter zu nennen, habe ich oben bereits vorgeschlagen. Das ist richtiges und gutes Deutsch. Wieso sollte Sprache statt dessen aber ausgerechnet ihrer Verwahrlosung entgegenleben?

Wegen dem, besser wie, ich tue essen, mein Freund, wo noch studiert, meine Mutters Fahrrad, Klaus sein Auto, das ist alles nicht schön, aber als Soziolekt tolerabel. Überdies hat er sich über viele Generationen hinweg entwickelt, denn Sprache lebt auch ein paar Schubladen tiefer.

Aber Solist*innen (ein Plural als Konglomerat eines Singulars mit einem eigentlich nur ikonischen Symbol und einer topologischen Standortbestimmung, von Expert:innen oder irgendwelchen selbsternannten Eliten von oben herab dekretiert) ist unerträglich und gleich unter mehreren Gesichtspunkten schlicht und ergreifend falsch. Eckhard Henscheid nannte ähnlichen Unfug weiland Dummdeutsch (Reclam, Stuttgart 2009 u.a.).

Allenfalls wäre es erträglich, im Schriftbild jeden noch so falschen Blödsinn zu verbrechen. Man hört es ja nicht, wird aber über die gemeinten Geschlechter visuell informiert — was Diverse jedoch glatt bestreiten würden. In der gesprochenen Sprache hat diese hässliche Sprachverwahrlosung jedoch keinen Platz, konsequenterweise auch nicht in geschriebenen Texten, die sich zum Vorlesen eignen sollen.