Keine Werbung einwerfen!

An meinem Briefkasten steht: "Keine Reklame, kein Kirchenblättchen, keine Rechnungen, keine heiße Asche, keine Macht für niemand!" Das wird überwiegend befolgt. Wenn hin und wieder doch ein Pizza-Lieferant seinen Müll bei mir hinterläßt, wird er kurzerhand mit chinesischen Eßgewohnheiten bestraft.

Doch wie kriege ich so ein Schild auf mein Postfach bei meinem Internet-Provider? Einen Großteil meiner Post erhalte ich nämlich elektrisch als E-Mail.

Als ich noch mit dem Korrespondenzprogramm CrossPoint arbeitete, war das sehr einfach. Es gab ein Zusatzprogramm namens NoSpam. Es hatte den Vorteil, alles auszufiltern, jedoch denselben Nachteil wie CrossPoint: einen Großbuchstaben mitten im Wort. Aber ich ließ mich durch den dummdeutschen Namen nicht verdrießen und benutzte es mit Erfolg:

Wenn Reklame eintrudelte, markierte ich sie als Spam, also als unerwünschten Quark, wonach jede weitere E-Mail mit denselben Eigenschaften in ein gesondertes Postfach namens SPAM sortiert wurde.

Nachdem ich eine verdächtig lange Zeit keinerlei Mail mehr erhalten hatte, überprüfte ich gelegentlich dieses Postfach. Dort fand ich dann jede Menge wichtige Mails, deren Anliegen das Verfallsdatum längst erreicht hatte, und gratulierte dann halt nachträglich zum Geburtstag, zur Hochzeit, zur Scheidung, zum Ableben usw. Damit war ich der Verpflichtung zum Hingehen und gar zum Mitbringen von Geschenken wegen arger Terminüberschreitung enthoben. Ein rundherum nützliches Programm also.

Doch die allgemeine Ablehnung von Software der Marke Microsoft veranlaßte auch mich, Programme für MS-DOS nach und nach abzuschaffen. Es ist so weit: CrossPoint ist Geschichte, nun arbeite ich mit dem Forté Agent für Windows 95 als Korrespondenzprogramm. Ja ja, schon gut - sobald es das Betriebssystem MS-Windows 95 für das Betriebssystem Linux gibt, gehe ich auch noch diesen letzten Schritt.

Auch der Agent kennt interessante Filtermöglichkeiten. Ihm brachte ich z.B. bei, alle Mails in die Tonne zu treten, deren Betreff das Wort "Newsletter" enthält, denn jeden Monat hatte ich einen Newsletter mit dem Betreff "JDK-Newsletter" erhalten. Ich hatte mich nämlich mal bei deren Website als Interessent für Weiterentwicklungen des Java-Development-Kits (JDK) geoutet, was sie mir nie verziehen, weshalb sie mir pausenlos diesen Newsletter schickten.

Es war ein voller Erfolg: Nie wieder erhielt ich den Newsletter für das JDK. Aber jede Menge andere Newsletters, deren Betreff z.B. lautete: "Neue Word-Vorlagen für Brillenträger", "Du und Deine Schilddrüse", "The Web in 30 cosy hours" u.s.ä. Ich hatte nämlich mal in dem Internet-Diskussionsforum de.etc.sprache.deutsch einem pubertierenden Milchbart die erbetene Kritik seiner dort vorgestellten Gedichte tatsächlich gemailt. Das Bestellen von Newsletters unter meinem Namen war halt seine Rache, denn Bitten dieser Art sollte man tunlichst nicht erfüllen. Dabei war ich noch glimpflich davongekommen; er hätte für mich ebenso gut kostenpflichtigen Kram abonnieren können. Im Internet, am Computer gibt es nun mal keine persönliche Unterschrift zur Bestätigung.

Das war der klassische Fall für PLONK, wie wir das nennen: Ein Absender wird ausgefiltert, so daß von ihm nichts mehr ankommt. Mail von ihm landete ab sofort im Ordner KILLFILE. Das Wort PLONK ahmt das Geräusch nach, wenn jemand durch die Maschen des Filterprogramms fällt. Ich erzählte dem Programm Agent also in für es verständlicher Weise, daß es mich mit Zeugs von diesem Absender verschonen möge.

Genervt von einer Flut von Newsletters schrieb ich den rachsüchtigen Jungpoeten aber mehrfach panisch an, er wolle für mich, wenn überhaupt, nur noch Newsletters abonnieren, die im Betreff "Newsletter" enthielten, damit meine Filterkriterien zuträfen. Seine nicht minder panischen Antworten fand ich jedoch erst, als ich im Postfach KILLFILE nachsah, wo die geplonkten Absender darben: Er hatte sich wegen meiner Drohungen mit der Justiz und der Exkommunikation mittlerweile entleibt. Das entnahm ich seiner 7. E-Mail im Killfile, kaum ein halbes Jahr alt. Betreff: "Ich bestelle für Dich nie wieder einen Newsletter". Hätte er mich bloß in sein Killfile getan! Das Schlüsselwort zum Auffinden wäre "arnulf@hacktory.de" im FROM-Feld gewesen.

Das Stichwort "Newsletter" war also untauglich und lebensgefährlich. Was liegt dann näher, als ein Seminar bei meinem Internet-Provider zu besuchen? Procmail war gerade dran, ein Programm, mit dem man Filterungen bereits beim Provider vornehmen kann, so daß man die unerwünschte Post gar nicht erst erhält und dann natürlich auch nicht mehr ausfiltern muß. Das spart Telefongebühren und Arbeit.

Der Referent gab sein bestes. Wider Erwarten verstand ich auch fast alles: Ich kann z. B. jetzt den Mail-Prozessor des Providers veranlassen, alles auszufiltern, was im Betreff das Wort "Newsletter" enthält. Aber das werde ich aus bevölkerungspolitischen Gründen gottbehüte so bald nicht wieder tun.

Ich könnte auch "dollar", "make money", "$$$", "sex" usw. aussondern. Das kommt in den Betreffs von Reklameheinis oft vor. Dann müßte ich aber allen meinen Mail-Partnern sagen, daß sie bitte diese Zeichenketten in Zukunft vermeiden möchten. Meine Chefin Teresa Orlowski, mein Kumpel Ivan Herstatt und mein Schwager, der in Rheider am Dollart wohnt, hätten dann nämlich ein echtes Problem.

Was fange ich also mit meinen neuen Kenntnissen an? Vielleicht lasse ich alles ins Nirwana schubsen, das im Nachrichtenkopf oder im Betreff "seminare", "procmail" oder "spam-filter" enthält. Nee, geht auch wieder nicht, denn Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" hat eigentlich recht. Vielleicht ist etwas davon nur eine satirische Antwort auf Reklame, aber nicht selbst Reklame. Und schließlich biete ich demnächst selber ein solches Seminar an, da sollte ich doch lieber mitkriegen, wer sich dazu anmeldet.

Hiermit gebe ich kund und zu wissen: Ab sofort landet alles bei meinem Provider oder lokal bei mir im Mülleimer, das mit der Filterung von E-Mail zu tun hat. Suchwort: "Filter".

Lieber freundlicher Melitta-Mann, sollten Ihnen meine Glossen gefallen und sie sich deshalb einmal an mich wenden wollen, versuchen Sie bitte, dieses Wort im Nachrichtenkopf, im Betreff, im Fließtext, im Nachrichtenfuß und überhaupt zu vermeiden!

Oder nehmen Sie lieber gleich eine Briefmarke.

Ihr

Arnulf Sopp


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