Des gelb Rohr

Richard ist Hesse und spricht auch so. Für Nichthessen: ungefähr wie Pfälzer. Für Pfälzer: Entschuldigung!

"Des gelb Rohr" bekam er von seinem Nachbarn angeboten, als er gerade seinen Hof betonieren wollte. Es war eine Rolle von 10 cm dickem durchlöchertem gelbem Plastikrohr, mit dem man Drainagen legt, um Sickerwasser abzuleiten. Da könnte man z. B. auch unter dem Beton Stromkabel reinlegen, um irgendwo noch eine Lampe zu speisen, dachte Richard. Er war natürlich begeistert über die Großzügigkeit des Nachbarn, denn das Rohr sollte nichts kosten. Heute weiß Richard, warum.

Irgendwann dämmerte es ihm, daß durch den zukünftigen Beton auf seinem Hof wohl kein Wasser sickern würde. Die Idee mit einer weiteren Lampe im Hof verwarf er auch wieder. Also benutzte er das Rohr nicht, hob es aber zur späteren Verwendung auf.

Eine zeitlang wird Richard wohl darüber gegrübelt haben, wo er sinnvollerweise eine Drainage legen könnte, kam aber auf keine Idee. Auf dem Rest seines Grundstücks befinden sich nämlich nur noch sein ebenfalls wasserdichtes Haus und ein Garten, in dem man Sickerwasser aber durchaus gern sieht, weil es den Pflanzen guttut.

Also sollte die generöse Gabe des Nachbarn nun doch auf den Müll. Er legte die säuberlich aufgerollte Spirale aus gelbem Rohr neben den Mülleimer. Daß es bei der nächsten Müllabfuhr nicht mitgenommen wurde, wunderte ihn nicht. Ehrlich gesagt, hatte er auch nicht wirklich damit gerechnet. Also meldete er Sperrmüll an und bezahlte dafür 25 Mark Gebühren.

Als er am Tag der Sperrmüllabfuhr vom Dienst nach Hause kam, war alles weg, nur das gelbe Rohr lag noch da. Die Müllwerker waren ein paar Häuser weiter noch bei der Arbeit. Er ging hin und fragte nach, warum sie es nicht mitgenommen hätten. Weil das Baumüll sei, sagten sie, und Baumüll gehöre in eine eigene Entsorgungskategorie.

"Wieso Baumüll? Das ist ein nagelneues gelbes Plastikrohr, eigentlich gar kein Müll. Das ist noch sauberer als Bierkisten oder Joghurtbecher aus Plastik. Ihr schmeißt doch auch die alten Gartenmöbel auf den Laster; das ist doch dasselbe Zeug!"

"Ja, aber wir haben unsere Anweisungen. Das ist Baumüll, und das geht nicht."

Richard merkte, daß er sich mit den Müllwerkern nicht anlegen konnte und ließ es erst mal bleiben.

Am nächsten Tag rief Richard vom Büro aus beim Umweltbeauftragen der Gemeinde an, erreichte aber nur seine Vertreterin. Er trug ihr sein Problem mit dem gelben Rohr vor. Oh, das sei wirklich ein Problem, sagte sie, damit gebe es immer wieder Ärger. In Abwesenheit ihres Vorgesetzten wollte sie das lieber nicht entscheiden. Aber Richard solle doch mal bei der ZAV anrufen, der kommunalen Entsorgungsbehörde.

Dort erreichte Richard eine Dame, die sichtlich nervöser wurde, als sie begriff, daß ein gelbes Rohr zu entsorgen sei. Sie verband ihn vorsichtshalber gleich mit ihrem Chef. "Ganz klar, das ist Baumüll," sagte der.

"Wie denn Baumüll? Das Rohr wurde noch nie verbaut, ist praktisch neu, völlig sauber ..."

Der Chef schien derlei schon öfter erlebt zu haben und begann gleich, auf die Gemeinde zu schimpfen. "Denen wollten wir schon längst einen Container hinstellen, aber die haben uns keinen Platz dafür angewiesen. Mit denen gibt es nichts als Ärger!"

Richard: "Moment mal, wir wollen doch jetzt nicht über Politik diskutieren. Ich möchte doch einfach nur mein gelbes Rohr loswerden. Das kann doch nicht sein, daß die beim Nachbarn die Plastikmöbel mitnehmen, aber mein gelbes Rohr liegenlassen. Plastik ist doch Plastik, oder?"

Der Mann von der ZAV ist schon ziemlich ungehalten. "Ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt, daß das Baumüll ist!"

"Das ist überhaupt kein Baumüll. Das ist nagelneu. Dafür haben wir doch die ZAV, daß Ihr das entsorgt." Jetzt selber auch schon mit erhöhtem Puls, fährt Richard fort: "Neben der Straße nach Gernsbach liegen rund 100 Bierdosen. Wundern Sie sich noch, daß die Leute ihren Müll da abladen, wenn Sie nicht mal ein gelbes Rohr annehmen? Heutzutage kann ich doch kaufen, was ich will, ich werde es einfach nicht mehr los. Wenn Sie mein gelbes Rohr nicht annehmen, schmeiße ich es heute nacht im dunkeln einfach in den Straßengraben, dann haben Sie es morgen sowieso."

"Das können Sie nicht machen, das ist strafbar!"

"Ich will es ja auch gar nicht machen, aber was kann ich denn statt dessen tun, wenn Sie das Rohr nicht mitnehmen?"

"Geben Sie es doch dem Bauhof der Gemeinde!"

"Der nimmt das auch nicht an."

"Dann gehen Sie heute abend hin und werfen Sie es beim Bauhof über den Zaun."

"Aber das ist doch auch strafbar!"

"Aber nicht so, wie wenn Sie es in den Straßengraben werfen."

Richard merkte, daß er dem Mann einfach nicht beikommen konnte. "Jetzt sage ich Ihnen mal was: Meine Frau ist Künstlerin. Das gelbe Rohr hing ein halbes Jahr bei uns im Wohnzimmer als Kunstobjekt. Nun kann ich es einfach nicht mehr sehen. Und jetzt erklären Sie mir mal, wieso das dann Baumüll ist. Es ist aus unserem Wohnzimmer, also ist es Haushaltsmüll."

"Ja, Sie können mir viel erzählen."

"Sie können nachsehen, es ist nagelneu, da ist noch kein Stäubchen Zement dran."

"Dann bringen Sie mir eine Bescheinigung Ihrer Frau, daß das Kunst ist, dann nehmen wir es nächstes Mal mit!"

"Muß ich dann noch einmal 25 Mark bezahlen?"

"Ja, das müssen Sei noch einmal bezahlen."

Dieses Telefongespräch dauerte ungefähr eine Stunde. Dabei machte es Richard zunehmend Spaß, die Absurditäten aufzuzählen, die die Entsorgung des Plastikrohrs mit sich brachte, während der ZAV-Chef zunehmend wütend wurde. Er wußte einfach nicht mehr, was er noch sagen sollte.

"Erzählen Sie das doch alles mal Ihren Politikern von der Gemeinde!"

Einige Tage später kommt er wieder von der Arbeit. Das gelbe Rohr ist nicht mehr da. Er fragt seine Mutter danach, die gerade zu Besuch ist.

"Ei Bub, die Müllabfuhr war da. Das Rohr paßt ja nicht in den Mülleimer, aber sie haben es dann so mitgenommen."

Ob Kunststoff Bau-, Sonder- oder Hausmüll ist, hängt offenbar nicht zuletzt davon ab, wie alt der ist, der ihn abliefert.


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