Wo sind die Zeiten, als »Banner« noch ein Deo war?

Was ist eigentlich mit Theo? Lange nicht gesehen. Ob ich ihn anrufe? Lieber nicht, der gerät am Telefon immer gleich ins Plaudern - wo ich doch so ungern telefoniere. Eine E-Mail will ich ihm schreiben. Seine Netzadresse habe ich nicht, aber Leute wie er haben garantiert eine Homepage im Internet, wo er bestimmt auch einen Mailto-Button oder gar ein Gästebuch bereithält, wo ich ihm einen Gruß hinterlassen kann.

Seinen Nachnamen hat er mir nie gesagt. Das ist halt so bei Bierbekanntschaften. Macht aber nix, Yahoo, die Internet-Suchmaschine meines Vertrauens, bringt mich hin. Sie bietet mir jede Menge Theo-Funde an: Irgendwo zwischen Theo Aarhus aus Wuppertal und der Theosophischen Gesellschaft Zingst-Würfelden muß er stecken. Ich klicke einfach rum, wir haben ja schon Mondscheintarif.

Ich beginne mit Theo Ballhaus. Da ist in der Kurzbeschreibung keine Stadt angegeben, also könnte es mein Theo aus Lübeck sein. Oh, er bietet auf seiner Homepage Software an, man kann bei ihm sogar eine Homepage einrichten, ganz umsonst! Aber er heißt nicht Media Connect, das wüßte ich. Scheint ein Reklame-Banner zu sein. Ich rolle zeilenweise weiter. Autos verkauft er auch? Nein, eben wird es klar, als die animierte Graphik jetzt verrät, daß diese Homepage von Opel-Jäschke gesponsort ist. Wieder etwas tiefer kommt endlich ein Photo - das ist nicht Theo! Da sucht jemand Knochenmark. Ich warte nicht ab, ob die Animation gleich als Verwendungszweck eine Fleischbrühe oder Leukämie angeben wird, sondern rutsche noch etwas tiefer. Da finde ich endlich den privaten Teil: "Schön, daß Du mich besuchst. Ich habe einen lieben Kater. Besuche mich bald mal wieder!" Na ja, in der Kürze liegt die Würze. Bevor ich zur Yahoo-Seite zurückkehre, um weitere Theo-Fundstellen anzuklicken, nehme ich noch wahr, daß ich der 4036. Besucher dieser Seite bin, und daß sich die Fa. Deltacomm dafür verbürgt, die offensichtlich den Zugriffszähler zählen macht.

Dann also zu Theo Christiansen, dem nächsten Angebot von Yahoo. Bei ihm gehen gleich zwei Fenster auf, wovon das kleinere eine ganze Weile bis zum fertigen Aufbau braucht. Nun soll ich eine von drei Nationalflaggen für die passende Sprache anklicken. Natürlich wähle ich meine Muttersprache. Wieder dauert es einen Moment. Ich werde für meine Geduld mit einem Video belohnt, das mir die Vorzüge des »Corte Ingles« gegenüber jedem anderen spanischen Kaufhaus darlegt. Man lernt nie aus. Ich klicke das Fenster weg, als das Video von vorne beginnt, denn offensichtlich gibt es hier keinen Theo. Das Hauptfenster hat eine wunderschöne Tapete. Vor diesem Hintergrund liegen ein paar bunt explodierende animierte Buttons, mit denen ich mich zu Zweirad-Ellermann, zu Microsoft Deutschland oder auch zu Nippon Camtronics durchklicken kann. Ob die ihn alle sponsorn? Ah, da ist auch ein Button für Theo Christiansen. Ich klicke ihn an - und werde erschlagen von einem reichhaltigen Angebot von Software, Hardware und Bookware. Die Theoware folgt weiter unten: "Schön, daß Du mich besuchst. Ich habe einen lieben Wellensittich. Besuche mich bald mal wieder!" Eine Botschaft, auf die die weite Welt schon immer gewartet haben dürfte. Hier bin ich die Nr. 311. Hermes Consult.

Es kann nur besser werden. Ich besuche jetzt Theo Deltgen. Er empfängt mich mit einem virtuellen Kaufhaus mit gut gemachtem Katalog, der sogar Reisen anbietet. Aber eigentlich wollte ich nur Theo. Während jpc Berlin mir seine neuesten Platten vorspielt, klicke ich mich voran, vorbei am »Kamin«, dem "romantischen Treff für Verliebte", an Burgsmüller Office Solutions, einem Besuchszähler von XComp Enterprises (2027) und dem Sonderangebot der Woche von Karstadt Überlingen, um schließlich Theo zu finden: "Sorry, this homepage is still under construction!"construction

Meine Axt trifft präzise den Monitor. Morgen rufe ich Theo an.


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